Geschichte

long story short

Die Geschichte der Hohnekirche

Vom Baubeginn bis zur Gegenwart

Was macht ein Bauwerk zu einem der bedeutendsten seiner Epoche? Die Geschichte der Hohnekirche gibt darauf eine Antwort – von ihrer Rolle als Vorbild westfälischer Hallenkirchen bis zu den Schätzen, die sie bis heute bewahrt.


Die Kirche St. Maria zur Höhe (Hohnekirche) liegt auf einem 90 m hohen Hügel im Nordosten des mittelalterlichen Stadtkerns von Soest. Durch Ausgrabungen wurde an gleicher Stelle ein dreischiffiger Vorgängerbau mit einem zweitürmigen Westwerk nachgewiesen (THÜMMLER, Gründungsbau, S. 115ff.), der wohl als Stiftung eines westlich der Kirche wohnenden Grundherrn anzusehen ist. 

Über einen brückenartigen hölzernen Verbindungsgang hatte er von seinem Wohnhaus direkten Zugang zur Empore des Westwerks, die ihm als Herrschaftsloge gedient haben könnte (THÜMMLER, Gründungsbau, S. 129). Der Bau wird in das Ende des 12. Jahrhunderts datiert (ebd., S. 116) und erfolgte nach der Anlage der neuen 4 km langen Stadtmauer, die um die Mitte des 12. Jahrhunderts auf Veranlassung des Kölner Erzbischofs, des Stadtherrn von Soest, angelegt wurde. Die Mauer enthielt 10 Tore und umfasste eine Siedlungsfläche von 102 ha (KÖHN, S. 7). Ihre Errichtung war eine Folge des starken wirtschaftlichen Aufschwungs der Stadt im 11.-12. Jahrhundert, der durch Ansiedlung von Kaufleuten, durch den Fernhandel mit den Eigenprodukten Korn und Salz und durch ihre günstige Lage an der alten Hellweg-Handelsstraße ermöglicht wurde.

Als Kaiser Friedrich I. Barbarossa 1180 seinen Lehensmann Heinrich den Löwen ächtete, übertrug er die Herrschaft über dessen westliche Landesteile an den Erzbischof von Köln, Philipp von Heinsberg, der so das Herzogtum Westfalen und Engern zum Lehen erhielt (KÖHN 1992, S. 7f.). Soest entwickelte sich daraufhin zur Hauptstadt des kölnischen Westfalen und erlebte zwischen 1200 und 1350 seine höchste wirtschaftliche Blüte. Mit 10 000 Einwohnern war es zeitweise mächtiger als Dortmund und die Bischofsstädte Münster, Osnabrück, Paderborn und Minden (MELZER, S. 437). 

Das starke Bevölkerungswachstum und der Ausbau des neuen Stadtwalls erforderten eine Neueinteilung der Soester Pfarreien, die der Kölner Erzbischof zwischen 1179-1191 regelte, indem er das Stadtgebiet in sechs Pfarreien einteilte, deren Grenzen weitgehend mit der Hofenaufteilung des mittelalterlichen Soests übereinstimmten. Abgesehen von der Kirchengemeinde im Bezirk der Kleinen West-hofe, innerhalb deren Pfarrgrenzen die Petrikirche als alte Stadtkirche bereits vorhanden war, mussten für alle neu eingeteilten Gemeinden Pfarrkirchen errichtet werden. Die Datierung des Gründungs-baus der Hohnekirche fällt in diese Zeit, und die Annahme einer Stiftung durch einen Grundherrn, der einen ursprünglich außerhalb der Stadtumwallung gelegenen befestigten Hof besaß, könnte erklären, warum die Kirche auf einem Hügel am Rande ihres Pfarrbezirks errichtet wurde. Ob diese infolge konstruktionsbedingter Mängel innerhalb der nächsten Jahre einstürzte (THÜMMLER, Gründungsbau, S. 131) oder ob sie wegen ihrer für den Gemeindegottesdienst ungeeigneten Raumstruktur oder wegen mangelnder Größe kurze Zeit später bis auf den Nordturm abgetragen und an gleicher Stelle vergrößert wiederrichtet wurde, lässt sich wegen der fehlenden Quellen nicht ermitteln. 

Wie die anderen Soester Pfarrkirchen war auch die Hohnekirche dem St. Patrokli-Stift inkorporiert, d.h. die Kirche und die mit ihr verbundenen Stiftungen und Einkünfte waren Eigentum des im Stadtzentrum gelegenen Stifts. Das um 954 vom Kölner Erzbischof Bruno eingerichtete Kollegiatstift St. Patrokli in Soest bestand aus mehreren Weltgeistlichen, die unter der Leitung des Dom-propstes nach einer mönchsähnlichen Regel in einer Gemeinschaft lebten. Im Gegensatz zu Mönchen verfügten sie jedoch über Privateigentum, eigene Einkünfte und eigene Wohnung. Innerhalb des Stifts sorgten sie für den liturgischen Gottesdienst und die Ausbildung des Kleriker-Nachwuchses. Außerhalb kümmerten sie sich um die Verwaltung und seelsorgliche Betreuung der Pfarreien, die ihnen der Dompropst mit Zustimmung des Kölner Erzbischofs übertragen hatte. 

Pfarreien waren damals durch ihre Einkünfte aus dem Pfarrhof, durch Gebühren für Taufen, Trauungen, Beerdigungen usw. und durch anfallende Opfergaben und Kollekten so ertragreich, dass sie eine gewichtige, Einnahmequelle darstellten. Die Übertragung einer Pfarrstelle diente so gleichzeitig der persönlichen Versorgung des Stiftsgeistlichen und der wirtschaftlichen Entlastung des Stifts. Im Jahr 1257 bestimmte der Kölner Erzbischof Konrad sogar, dass die Pfarreien der Stadt Soest das Patrokli-Stift finanziell unterstützen sollten: „Als jährliche Zahlungen hatte St. Petri 16, St. Pauli sieben, St. Thomae sechs, St. Marien zur Höhe sechs, St. Marien zur Wiese sechs und St. Georg fünf Mark zu leisten“ (WOLF, S. 789).

Bis zur Reformationszeit war stets ein Patrokli-Kanoniker als Pfarrer in der Hohnekirche tätig (SCHWARTZ, S. 204). Unter den Soester Pfarrkirchen ist die Hohnekirche heute die kleinste und aus dem 16. Jahrhundert ist sogar bekannt, dass sich wegen der geringen Einkünfte, die mit der Hohnekirchen-Pfründe verbunden waren, kein Patrokli-Stiftsherr bereitfinden wollte, die Pfründe zu übernehmen (SCHWARTZ, S. 205). 

Dass die Verhältnisse während der Erbauungs- und Ausstattungszeit anders gewesen sein müssen, zeigt ein Vergleich der Zuwendungen an das Patrokli-Stift, bei deren Höhe sich die Hohnegemeinde kaum von den anderen Gemeinden (Petri-gemeinde ausgenommen) unterscheidet. Auch das originelle richtungsweisende Raumkonzept, die reichhaltige Außengliederung der Wandflächen durch Lisenen, Bogenfriese und Blenden und die Ausmalung des Innenraums mit einer Fülle großartiger romanischer Wandmalereien machen deutlich, dass die Hohnekirche im 13. Jahrhundert keinesfalls zu den armen Gemeinden zählte. 

Die Namen „St. Maria zur Höhe“ bzw. „Höhenkirche“ (TAPPE 1824) und „Hohnekirche“ (THÜMMLER 1959) deuten auf die Lage des Gotteshauses auf dem höhergelegenen Hügel hin und dienen zur Unterscheidung von der nur 150 m entfernten niedriger gelegenen Pfarrkirche des benachbarten Pfarrbezirks mit dem Namen „Maria zur Wiese“. An der Stelle der heutigen aus dem 14. Jahrhundert stammenden Wiesenkirche befand sich vorher eine aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts stammende romanische Pfarrkirche, die 1949 von Thümmler ergraben wurde (THÜMMLER, Neue Funde, S. 295). 

Die Pfarrkirche St. Maria zur Höhe (Hohnekirche) gilt als eines der eigenwilligsten Bauwerke Westfalens. Eines ihrer besonderen Merkmale ist der außergewöhnliche Grundriss ihrer breitrechteckigen Halle, die 22 Meter breit aber nur 16 Meter lang ist. Die Kirche gilt als eine der frühen Hallenkirchen in Westfalen und wird als Vorbild für eine ganze Gruppe von Kirchen gesehen, die ähnliche Grundrisse aufweisen: Soest, St. Georgii (1823 abgerissen); Lohne, ev. Pfarrkirche, ehem. St. Pantaleon; Neuengeseke, ev. Pfarrkirche, ehem. St. Johannes, der Täufer; Weslarn, ev. Pfarrkirche, ehem. St. Urbanus; Methler, ev. Pfarrkirche, ehem. St. Margaretha (MÜHLEN, S. 77ff.). 

Der unsymmetrische Westwerk entstand unter Verwendung des Nordturms des ansonsten vollständig abgetragenen Vorgängerbaus. Weil entsprechende Urkunden aus der Erbauungszeit fehlen, hat man die Entstehung der Hohnekirche auf der Grundlage stilkritischer Vergleiche allgemein in das zweite und dritte Jahrzehnt des 13. Jh. Datiert (THÜMMLER, Gründungsbau, S. 116). Da die Hohnekirche im nördlichen Zipfel ihres Pfarrbezirks liegt und die meisten Gemeindemitglieder südlich von ihr wohnen, wurde die Südseite als Schaufront bevorzugt ausgeschmückt. Das linke der auf dieser Seite gelegenen Portale ist wegen seines reichhaltigen Schmucks und wegen seiner Anordnung im Westen als Hauptportal ausgewiesen. Das aufwendig gestaltete mit einem Rundbogen abgeschlossene Stufenportal stammt aus der Erbauungszeit, während das oberhalb des Türsturzes angebrachte, etwas altertümlich wirkende Tympanon vermutlich vom Vorgängerbau übernommen wurde.

(Quelle: Das Geheimnis der Hohnekirche in Soest/Westfalen, Rudolf Fidler 1997,

Bonifatius GmbH Druck Buch Verlag Paderborn)

geschichte1

Weiterführende Links

Von historischen Archiven bis zu benachbarten Kirchengemeinden: Wer sich weiter mit der Hohnekirche und ihrem Umfeld befassen möchte, findet hier den Zugang zu vertiefenden Quellen.

Fotothek
http://www.zi.fotothek.org/VZ/ort_index/Soest/Hohnekirche

Das Archiv entstand in den Jahren 1943 – 1945, in der zweiten Hälfte des 2. Weltkrieges, in dem Bemühen des nationalsozialistischen Regimes, angesichts drohender Zerstörung die wandfeste Ausstattung bedeutender Baudenkmäler im gesamten „großdeutschen Reich“ in Farbaufnahmen zu dokumentieren. So sind hier die Wandgemälde der Hohnekirche vor den großen Bombardierungen zu sehen, die die Stadt fast zu zwei Dritteln zerstörte. 

Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts e. V.
http://www.glasmalerei-ev.net/pages/b5586/b5586.shtml 

Andreas Blauth
http://kunst-marlies-blauth.blogspot.de/2013/08/st-maria-zur-hohe-hohnekirche-soest.html

Der seinerzeit (2014) 15-jährige Andreas Blauth aus Meerbusch-Osterath fotografiert aus Leidenschaft. Spezielle Motive bevorzugt er nicht, aber die Kirchenarchitektur hat es ihm angetan. So verwundert es nicht, dass auch die Hohnekirche Ziel seiner Motivsuche wurde. Da er zunächst keine eigene Homepage hatte, veröffentlichte er die Bilder von der Hohnekirche auf der Internetseite seiner Mutter.

Die Hohnekirche diente als Vorbild beim Bau der Kirchen in Bad Sassendorf, Lohne, Neuengeseke und Weslarn. Mithilfe der angegebenen Internet-Adressen können Sie sich über diese Bördekirchen leicht informieren, wobei die Kirche in Lohne zur Kirchengemeinde Bad Sassendorf gehört. 

Ev. Kirchengemeinde Bad Sassendorf
www.kirchengemeinde-bad-sassendorf.de

Verein der Freunde und Förderer der Kirche St. Urbanus in Weslarn e. V.
www.fv-urbanus.de

Ev. Kirchengemeinde Möhnesee-Neuengeseke
www.kirche-moehnesee-neuengeseke.de

Nur etwa 200 Meter von der Hohnekirche entfernt steht die andere Soester Marienkirche, St. Maria zur Wiese, auch Wiesenkirche genannt. Gerne verweisen wir auf die Homepage der Wiesenkirche:

Ev. Wiesenkirche
www.wiesenkirche.de

Vereins für Geschichte und Heimatpflege Soest e. V.

Internet: www.geschichtsverein-soest.de

Literaturverzeichnis

Beeh-Lustenberger, Suzanne
Raumverwandlung durch Fensterverglasung vom 13. Jahrhundert bis heute am Beispiel der Hohnekirche in Soest. 
In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Heimatpflege Soest 28 (1998), S. 15-28.

Böker, Hans Josef
Die romanische Sakralarchitektur der Stadt Soest.
In: Wilfried Ehbrecht (Hrsg.): Soest – Geschichte der Stadt, Bd. 1. Soest 2010, S. 751-874.

Bongardt, Eva-Maria
Die Nordchornische der Kirche St. Maria zur Höhe in Soest –
Katharina zu Gast bei der Marienkrönung.
In: Soester Zeitschrift 125 (2013), S. 113-134.

Bongardt, Eva-Maria
Die Kirche St. Maria zur Höhe in Soest und ihre Bildgestaltung. (2021).

Brülls, Holger
Jochem Poensgen – Architektur des Lichts. Werke – Entwürfe – Texte 1956-2012. Regensburg 2013.

Claussen, Hilde; Endemann, Klaus
Entdeckungen am Scheibenkreuz. 
In: Soester Zeitschrift 84 (1972), S. 59-62.

Deus, Wolf-Herbert
Scheibenkreuze in Soest, auf Gotland und anderswo. Soest 1967.

Elbert, Dirk; Maas-Steinhoff, Ilse
Maria zur Höhe in Soest, genannt Hohnekirche. Berlin, München 2010.

Engemann, Josef
Das Hauptportal der Hohnekirche in Soest: die Reliefdarstellungen und ihre Bedeutung. Münster 1991 (Westfalen, Sonderheft 25).

Frisch, Burkhard
Die Heilig-Grab-Nische in der Kirche Maria zur Höhe in Soest und der Zusammenhang von Kunst und Liturgie. Unveröffentlichte Examensarbeit, Bonn 1990.

Goege, Günter
Über den Versuch einer Ent-Restaurierung der mittelalterlichen Wandmalereien in der Hohnekirche. 
In: Soester Zeitschrift 80 (1968), S. 85-92.

Heritage, Adrian
Der Katharinenzyklus im Nord-Chor der Soester Hohnekirche: der restauratorische Befund und die Schadensbilder.
In: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.): Außenhaut und Innenleben – Restaurierung von Architekturoberflächen und historischer Ausstattung. Bönen 2007, S. 47-61 (Arbeitsheft des LWL-Amtes für Denkmalpflege in Westfalen 4).

Josephson, Karl
Die Kirche Mariä zur Höhe in Soest i. W. und ihre mittelalterlichen Wandmalereien. Soest 1912.

Lobbedey, Uwe
Romanik in Westfalen, Würzburg 1999.

Luckhardt, Jochen
Spätgotische Tafelbilder für Soest, Anmerkungen zu ihren Bildprogrammen.
In: Heinz-Dieter Heimann (Hrsg.): Soest – Geschichte der Stadt, Bd. 2, Soest 1996, S. 632-682.

Lüdeking, Wilfried
Soest, Maria zur Höhe. 4. Aufl., Soest 1992.

Maas-Steinhoff, Ilse
„Was Moses verhüllt, enthüllt die Lehre Christi“: das Scheibenkreuz in der Soester Kirche St. Maria zur Höhe als Symbol der Antithese von Sündenfall und Erlösung.
In: Soester Zeitschrift 111 (1999), S. 9-30.

Reuter, Hannalore
Historische Orgeln in Soest. Münster 2009.

Schwartz, Hubertus
Die Kirche St. Maria zur Höhe. In: Ders.: Soest in seinen Denkmälern, Bd. 2: Romanische Kirchen. Soest 1956, S. 204-240.

Schwartz, Hubertus
Die Wandgemälde der Hohnekirche in Soest im alten Gewande.
In: Westfalen 22 (1937), S. 285-292.

Skriver, Anna / Heiling, Katharina
Bildwelten – Weltbilder. 
Romanische Malerei in Westfalen. Münster 2017.

Thümmler, Hans
Der Gründungsbau der Hohnekirche in Soest.
In: Westfalen 37 (1959), S. 115-133.